Anmerkungen zur Qualität und zur Qualitätsdebatte familienrechtlicher Begutachtungen

Vorab eine Literaturempfehlung: Uwe Tewes: Psychologie im Familienrecht - zum Nutzen oder Schaden des Kindes?

Meine Rezension ist zu finden unter: www.socialnet.de/20938.php

Uwe Tewes entwickelt mit viel Empathie insbesondere Ratschläge für betroffene Eltern, welche durchaus auch sehr nützlich für tätige Fachkräfte im familiengerichtlichen Kontext sein können. Die Publikation ist darüber hinaus sehr hilfreich als kritische Zustandsanalyse. Wegen der Komplexität von Familiengerichtsverfahren und des Begutachtachtungsprozesses kann es ratsam sein, dass sich Eltern in riskanten Verfahren durch eine berufserfahrene Vertrauensperson begleiten/beraten lassen.

Die Bundesregierung

hat nun mit dem "Gesetz zur Änderung des Sachverständigenrechts und zur weiteren Änderung des Gesetzes über das Verfahren in Familiensachen .... " einige Anpassungen vorgenommen.  Download unter http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18)069/1806985.pdf.

Einzelne restriktive Regulierungen betreffend des Verhaltens von Sachverständigen (Einhaltung von Fristen, Bekundung einer möglichen Befangenheit, Vergütung) mögen öffentlichkeitswirksam, manchmal (eher selten) im Verfahren auch hilfreich sein.

Hilfreich kann für manche Betroffene sicherlich die Einführung der Beschleunigungsrüge (§ 155b FamFG) und der Beschleunigungsbeschwerde (155c FamFG) sein. Dieses erscheint aber nicht als Resultat einer eigenständigen Problemanalyse familiengerichtlicher Praxis in Deutschland, sondern vielmehr als Folge eines Urteil des EGMR vom 15. Januar 2015. Das bundesdeutsche Rechtssystem erscheint weiterhin "bockig" - vgl. die nur schrittweise Aufgabe des Widerstandes gegen paritätitsche Betreuungsmodelle. Ein erster mir bekannt gewordener Beschluss des Kammergerichts Berlin (13 WF 12/17 vom 31.02.2017) lehnte die Beschleunigungsbeschwerde einer Mutter trotz bereits 2,5-jähriger Dauer des Umgangsverfahrens ab.

Eine notwendige, plausible Problemanalyse über Schwächen und Missstände bei der Erstellung von kindschaftsrechlichen Gutachten hat von Seiten der Bundesregierung nicht stattgefunden. Eine Art Initiatzündung erfolgte durch die Hagener Studie von Salewski und Stürmer, welche methodisch aber als völlig unzureichend zu bewerten ist. Vergleiche hierzu beispielsweise die Kritik des Fachverbandes der Systemisch-Lösungsorientierter Sachverständiger im Familienrecht auf www.fsls.de.

Kurzum, meine These: Die Bundesregierung hat sich den eigentlichen Problemen nicht ausreichend gestellt.

Das Ministerium hat sich damit begnügt, vordergründige Probleme zu regeln und  zugrundeliegende strukturelle Probleme mit Zuweisung einer etwas strengeren Führung von Sachverständigen vermeintlich zu befrieden. Faktisch findet sich, so kann man wohl annehmen, ein Proporz zwischen beteiligten (Berufs-) Verbänden und der Politk. Beteiligungen von Betroffenen und ihren Vertretungen sind mir nicht bekant bzw. sind im Rahmen der Beratungen schlichtweg marginalisiert worden.


Handlungsbedarf - einige Thesen


1. Die Anbahnung von Umgangskontakten ...

mit dem nicht erziehenden Elternteil stellt weiterhin eine große Herausforderung für Familiengerichte und Sachverständige dar. Auch renomierte Sachverständige sind mir im Rahmen meiner Privatgutachten / Expertisen durch erstaunliche Hilf- und Handlungsunfähigkeit aufgefallen, beispielsweise:

Durchgängig lässt sich wohl feststellen: Ein Mangel an Auseinandersetzung mit den Eltern (Konzeptionslosigkeit in der Arbeit mit strittigen bzw. hochstrittigen Eltern), eine ungewöhnlich lange Begutachtungsdauer mit deutlicher Überschreitung ggf. auch gesetzter Fristen und eine unzureichend stringente Fallführung durch die Familiengerichte.

Jüngst vertrat eine häufig als Sachverständige nachgefragte Diplom-Psychologin aus dem Saarland, mit den Zusatzqualifikationen einer Forensischen Psychologin und einer psychologischen Psychotherapeutin, den Standpunkt, dass das fünfjährige Kind erst einmal eine tiefenpsychologische Therapie wahrnehmen müsse, um sich dem Vater wieder zuwenden zu können. Die Entfremdung des Kindes vom Vater wäre somit auf Dauer vollzogen worden - glücklicherweise kam es anders. Das Gutachten, wiederum nach extrem langer Untersuchungs- und Verfahrensdauer erstellt, liegt "auf Eis". Der Umgang des Kindes mit dem Vater wurde mit Nachdruck umgesetzt. Kontrovers wurde die Frage behandelt, ob die Ablehnung des Vaters durch das Kind auf realen, negativen Erlebnissen beruhte oder sein Verhalten auf eine Konfliktvermeidung bei den Übergaben, ggf. ergänzt durch ein induzierendes Verhalten der Mutter, zurückzuführen sei.

Sachverständige müssten m.E. bei dem Phänomen der Kontaktverweigerung bzw. Umgangsvereitelung in enger Kooperation mit den Familiengerichten handeln und bereits im Untersuchungsprozess Möglichkeiten der Umgangsanbahnung befördern - also lösungsorientiert vorgehen.

Eine fundierte Diskussion kindlicher Kontaktverweigerung (bzw. Umgangsverreitelung) findet sich in der Dissertation von Dr. Katharina Behrend.

Betreffend des Parental Alienation Syndrom (PAS) erscheint empfehlenswert: Wera Fischer (1998): Das Parental Alienation Syndrome (PAS) und die Interessensvertretung des Kindes. Ein Interventionsmodell für Jugendhilfe und Gericht. In: Nachrichtendienst des Deutschen Vereins, Heft 10 (S. 306-310) und 11 (S. 343-348).

Ich möchte an dieser Stelle nachdrücklich dem möglichen Eindruck widersprechen, dass nur Väter von Kindesentfremdungen betroffen sind. Ich habe - dramatische - Fälle von Entfremdungen der Kinder von der Mutter begleitet bzw. zu verhindern versucht - beispielsweise in der Zuständigkeit der Amtsgerichte Besigheim und Gelnhausen. Nur in konzertierter Aktion ließ sich das mangelhafte Zweitgutachten - im übrigen von dem renomierten Prof. Dr. Mattejat erstellt - entkräften. Danken möchte ich Rechtsanwalt Hildebrandt (Schwabach) und den engagierten Fachkräften vor Ort. Zudem der Mutter, die trotz schwierigem Verlauf ein scheinbar unendliches Vertrauen in mich gesetzt hatte.

Im Ergebnis unerfreulich ist der "Fall in Besigheim" (OLG Stuttgart), welcher in Lehrbüchern veröffentlicht und auf systematische Fehler untersucht werden sollte. Die Mutter, die sich nichts zuschulden hat kommen lassen, hat ihr Kind in den vergangen Jahren nur selten - zufällig - aus der Ferne gesehen. Berichte von ersten begleiteten Umgangskontakten nach der Trennung bescheinigen, dass sich ein vertrauensvolles Verhältnis von Mutter und Sohn beobachten ließ ...

Quantitativ ist aber sicherlich die Vater-Kind-Beziehung häufiger betroffen. Der früher übliche 14-tätige Wochenendumgang führte bereits nach wenigen Jahren zu einem hohen Anteil von Entfremdungen. Mit zunehmenden Betreuungsanteilen von Vätern (vgl. Wechselmodell) dürfte die Rolle von Vätern, aber auch von Mütter, stabilisiert werden.

2. Strittige Konstellationen von Nachtrennungsfamilien

Konfrontiert mit dem konkurrierenden Streit der Eltern scheinen einige Sachverständige Mühe zu haben, eine objektive Perspektive einzunehmen.

Die Konstruktion der Nachtrennungsfamilie (vgl. beispielsweise Fthenakis u.a.: Die Familie nach der Familie) kann als eigentliches Ziel familiengerichtlicher Verfahren angesehen werden. Beweisbeschlüsse der Gerichte sind jedoch häufig alternierend ausgerichtet - und häufig wird entsprechend § 1671 BGB über die elterliche Sorge verhandelt, wo eine Regelung der Betreuungszeiten ausreichend sein kann.

Einige grundlegende Fachbücher scheinen mir noch immer darauf angelegt zu sein, auch geringgradige Unterschiede von Erziehungsfähigkeit zu identifizieren (z.B. Dettenborn & Walter 2015: Familienrechts-psychologie). Damit wird das klassische Nachtrennungsmodell (Vater als Freizeitgestalter; Mutter als Alleinerzieherin) favourisiert.

Eskaliert der Streit der Eltern, tragen gelegentlich Sachverständige mit einseitigen Zuschreibungen (Diagnosen nach ICD-10) dazu bei, einen Elternteil erheblich zu beschädigen. Aus einem Gutachten zum Umgang oder zum Sorgerecht wird sodann ein Erziehungsfähigkeitsgutachten.

Umzüge von Elternteilen, aus beruflichen oder privaten Gründen oder weil sie beispielsweise in ihr Herkunftsland zurückkehren wollen, erfordern häufig "trennende Entscheidungen" der Familiengerichte. Bereits Umzüge von nur ca. 50 km können eine familiengerichtliche Bestimmung des Lebensmittelpunktes der Kinder, da ein tägliches Pendeln zur Schule nicht möglich ist, erfordern. Wechsel des Kontinentes schränken naheliegend den Kontakt des zurückbleibenden Elternteils zu den Kindern erheblich ein - aber auch in solchen Fällen lassen sich, mit beidseits gutem Willen, Brücken bauen.

Die Strittigkeit und auch Hochstrittigkeit von Eltern stellt sich als besondere Belastung für die Eltern und fachliche Herausforderung für die Verfahrensbeteiligten / Fachkräfte dar.


3. Diagnostik in der Begutachtung - Stigmatisierung von Eltern ?